Als Nikolaus Harnoncourt vor Jahrzehnten den Begriff „Glockenton“ als Bezeichnung der idealen Klangform eines Streichertons in die Diskussion brachte, beschrieb er damit eine Klangvorstellung, die uns aus vielen Schriften des 17. und 18. Jahrhunderts geläufig ist. Gemeint ist damit vor allem das Abschwellen und Verklingen eines Tons nach einem gut artikulierten Ansatz; ein anderer Autor (H. Le Blanc) bemüht ein anderes Bild: Ein guter Streicherton (hier: Gambe) solle sein „wie ein wohlgeformtes Damenbein“, an der richtigen Stelle also abnehmen. (Nicht verschwiegen sei, dass andere Autoren das gerade Gegenteil fordern; sie bemühen den Vergleich mit der Orgel: Der Ton muss am Ende noch immer genau so laut sein wie am Anfang und sein Verlauf gerade und stabil.)

Kompositionen mit direktem Bezug zum „Glockenton“ sprossen wie Pilze aus dem Boden, Titel wie Sonnerie oder Carillon findet man bei vielen Komponisten im französischen Barock. Nicht immer war nur einfaches „Geläut“ gemeint. Die Tradition des Glockenspiels war in Frankreich und den Niederlanden sehr viel weiter verbreitet als in Deutschland, Glockenspielmeister waren sehr angesehene städtische Bedienstete.

Ste. Geneviève ist die Schutzheilige von Paris (sie soll die Stadt vor den Hunnen gerettet haben), ihr war eine Basilika aus dem 12. Jahrhundert geweiht. Von dieser ist heute nur noch der Glockenturm erhalten, bekannt als „Tour Clovis“, unmittelbar neben der barocken Kirche St. Etienne du Mont. Als Ersatz für die abgerissene Kirche Ste. Geneviève du Mont wurde zu Ehren der heiligen Genoveva eine riesige Basilika wenige hundert Meter entfernt errichtet. Marin Marais erlebte deren Fertigstellung jedoch nicht, es war eine lang währende Baustelle. Der ständig zwischen kirchlich und säkular schwankende Gebrauch dieses Bauwerks führte dazu, dass kaum jemand heute eine Verbindung zu Genoveva herstellt; wir kennen es als „Pantheon“. Ganz sicher beschreibt Marais mit seiner einzigartigen Komposition das Geläut der alten untergegangenen Kirche.

Bei Dollé beschreibt der entsprechende Satz (anders als bei Marais und Forqueray) nicht das Geläut einer bestimmten Kirche. Vielleicht berichtet er vielmehr davon, dass das Glockenläuten damals – vor allem bei großen Glocken – Schweiß treibende Handarbeit am langen Seil war...

 Der Herausgeber der Nouveaux Concerts von Couperin teilt aus zeitgenössischen Quellen Erläuterungen mit zu den Satzbezeichnungen des 9. Konzerts mit dem Titel „Ritratto dell’ Amore“, das Bildnis Amors.
Le Charme „bezeichnet im übertragenen Sinn alles, was uns ganz besonders gefällt, was Bewunderung hervorruft ... Diese Schönheit hat einen derartigen Zauber und einen solchen Reiz, dass sie alle Herzen erobert“. (Furetière)
L’Enjouement „Gute Laune, Heiterkeit, die sich auf dem Gesicht einer Person widerspiegelt, oder die sich durch ihre Handlungen offenbart, wodurch auch ihre Begleitpersonen fröhlich gestimmt werden. Der Frohmut ersetzt bei einem Mädchen oft die Schönheit... Bezeichnet auch frohe Gedanken und bildhafte Beschreibungen, die bei manchen Prosawerken anzutreffen sind." (Furetiere).
Les Graces „Die Grazien, Göttinnen der Antike, gehören zu den schönsten Allegorien der griechischen Mythologie. (...). Aber schließlich einigte man sich darauf, ihre Anzahl auf drei festzulegen und sie Aglaé, Thalie, Euphrosine, d.h. Glanz, Blüte und Frohsinn zu nennen. Sie befanden sich stets in der Nähe der Venus, und kein Schleier durfte jemals ihre Reize verhüllen. Sie verkörpern die Wohltätigkeit, die Eintracht, die Vergnügungen, die Liebe und sogar die Beredtheit; sie waren das deutliche Wahrzeichen für alles, was das Leben angenehm macht“. (Voltaire)
Le Je-ne-scay-quoy „Ich weiß nicht was, ... das gewisse Etwas. Sie hat das gewisse Etwas, das Gefallen erregt. Was ist die Grazie anderes als das gewisse Etwas, das Übernatürliche und Göttliche, was man weder erklären noch verstehen kann ...“ (Richelet)
La Vivacité „Dieses Wort ist eine Bezeichnung für den menschlichen Verstand: ein scharfer und glänzender Geist ...“ (Richelet)
La Noble Fierté „Wir müssen in unserem Sinn stets nach dem Großen trachten und wir sollten auch immer einen gewissen vornehmen Stolz besitzen und edelmütig sein ... Wenn man einen Mann als stolz bezeichnet, so meint man damit, dass sein Sinn nach Höherem steht, insbesondere nach Ruhm, und dass er ein ausgeprägtes Ehrgefühl hat usw ... Bei der Beschreibung von Frauen bedeutet dieses Wort manchmal eine bezaubernde Strenge, ein Stolz, der Gefallen erregt“. (Richelet)
La Douceur „Dieses Wort wird für verliebte Schmeicheleien, für galante Reden von Liebhabern verwendet; es bedeutet nichts Außergewöhnliches. ... Vergnügen, Bequemlichkeit, Behaglichkeit. Das Feuer ist im Winter eine der Annehmlichkeiten des Lebens“. (Richelet)
L’ Et coetera „Bedeutet alles Übrige, und so weiter, was stillschweigend mit ausgedrückt wird, oder was man von etwas anderem abhängig macht“. (Furetière).

 Forqueray, gefeierter Gambenvirtuose und Rivale von Marais, hinterließ eine Sammlung von Stücken für sein Instrument, die ohne den herausgeberischen Fleiß seines Sohnes der Nachwelt möglicherweise nicht erhalten wären. Da die Gemahlin Forquerays des Jüngeren Cembalistin war, hat er die Musik seines Vaters überdies für Cembalo bearbeitet. Bereits in seiner Ausgabe für Viola da Gamba hat Jean-Baptiste Forqueray eigene Kompositionen ergänzend eingefügt, wo ihm das Werk des Vaters zu knapp erschien (z.B. La Angrave).

Außergewöhnlich sind Rameaus einzig überlieferte Kammermusikstücke, die Pièces en Concert. Das Cembalo tritt aus der Begleitfunktion heraus in den Vordergrund, die Streicherstimmen sind lediglich – wenn auch unverzichtbare – Klangfarbe. Meist ist ihnen keine eigenständige Stimme zugewiesen, sie erweitern quasi die Registrierungsmöglichkeiten des Cembalo.

 

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